Ausgeklickt Sind Computer im Klassenzimmer sinnlos?Eine wissenschaftliche Studie zeigt, dass PCs in Schulen die Leistung der Schüler nicht stärken. Von Patrick Illinger (SZ vom 30.10.2002)Was war das doch für ein magischer Moment, als die Schule ihren ersten Computer bekam. Ein „Commodore PET“ war das, später kam ein Olivetti hinzu, und dann, Ehrfurcht und Staunen, der erste Apple. Zwei Mathelehrer machten irgendeine Zusatzausbildung, am Nachmittag gab es die ersten EDV-Kurse für hornbebrillte Jungs mit braunen Cordhosen und Karohemden, die auf dem Bolzplatz nichts verloren hatten. Und die Vorteile der Digitalisierung zeigten sich – zum Beispiel am Münchner Luisengymnasium – schon wenige Monate später. Als einer der EDV-fortgebildeten Lehrer mit einer selbst zusammengefrickelten Software die Abschlusszeugnisse der Elftklässler aus dem Nadeldrucker zog, hatte plötzlich jeder Schüler, auch der letzte Antihumanist, das Latinum in der Hand. Bildung für alle! Der Computertechnik sei Dank. Natürlich war das nicht der Grund dafür, dass sich in den folgenden Jahren auch die Bolzplatz-Kumpanen dem Computer zuneigten. Da kamen schließlich das Internet, MP3, SMS und Divx. Und weil alle Welt online ging, mussten natürlich auch die Schulen hinterher. Edmund Stoiber verhandelte mit Bill Gates, Apple machte Spezialpreise für Schüler-Laptops. Und die Deutsche Telekom legte Datenkabel in alle Klassenzimmer des Landes. Milliardenbeträge flossen weltweit in die Philologenhardware. Verschleudertes Geld, sagt jetzt eine wissenschaftliche Studie. Sie zeigt, dass Computer in Schulen die Leistung der Schüler nicht stärken. Viertklässler, die mit PC unterrichtet wurden, erbrachten im Fach Mathematik sogar schwächere Leistungen, berichten die Wirtschaftswissenschaftler Joshua Angrist vom Massachusetts Institute for Technology und Victor Lavy von der Hebräischen Universität von Jerusalem. In Israel fanden die beiden Ökonomen eine ideale Testumgebung für ihre Studie. Nachdem der Staat im Jahre 1994 damit begonnen hatte, Grund- und Mittelschulen nach einem Losverfahren mit Computern auszustatten, konnten die Forscher weltweit erstmals Schulklassen mit ähnlicher sozialer Zusammensetzung direkt vergleichen – die einen mit Computer im Unterricht, die anderen ohne. Das Ergebnis bringt Ernüchterung in die trunkene Euphorie einiger Politiker und Ministerialbeamter, die noch immer mit der Vorstellung High-Tech- substituierter Lehrkörper leben. „Die Kosten sind hoch und der Nutzen ist unklar“, beschreibt Joshua Angrist das Fazit seiner Studie. Drei Erklärungen bieten er und Victor Lavy in der Zeitschrift Economic Journal, um das Ergebnis ihrer Studie zu deuten. Erstens: Die Schulklassen ohne Computer konnten an anderer Stelle sinnvoll investieren und das digitale Manko ausgleichen. Zweitens: Der messbare Nutzen von Schulcomputern zeigt sich nicht unmittelbar, sondern braucht Zeit. Und drittens, abseits spekulativer Theorien und akademischer Höflichkeitsregeln: Computer im Klassenzimmer sind schlicht sinnlos. Den Schulbehörden sei daher empfohlen: Mehr Exkursionen in die reale Welt, mehr Bücher, und vor allem ein großes Stück Kreide. |